ARCHITECTURE SUISSE - 2004


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  Hätte ich nicht etwas gegen moderne Wortkreationen, wäre ich versucht, Michel Sanzianu als «Tektonologen» zu bezeichnen. Der Begriff wäre abgeleitet von der Tektonik, der Wissenschaft vom Bau und den Bewegungen der Erdkruste, aber auch vom griechischen teknotikos, das «die Baukunst betreffend» bedeutet. Unter einem «Tektonologen» verstehe ich also jemanden, der der Erde lauscht, deren Pulsfrequenz gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen einen Schlag pro 200 Millionen Jahren beträgt. Meine Analogie, man ahnt es, bezieht sich jedoch nicht auf solche immense Zeiträume, sondern auf die Tatsache, dass die Erde, d.h. die Form ihrer Oberfläche, ihre Berge, ihre Ozeane, ihre Erschütterungen, ihre Stimmungen, ihre Launen, ihre Schründe und ihre Kreationen aus einer stetigen Folge von Brüchen, Explosionen, Verschiebungen von Platten, unendlichen Erosionen, abrupten oder viel öfter langsamen Hebungen, Sedimenten, Einstürzen – kurz – aus einem undurchsichtigen und zugleich klaren, sich immerfort wiederholenden Schaffen hervorgegangen ist. In ihrer Art vervielfältigen die Zeichnungen von Michel Sanzianu die Risse, Explosionen und Spalten, aus denen so viele Dämpfe wie schwebende Anfänge entweichen. Ähnlich den dunklen Kräften, die auf unseren Planeten einwirken, versetzt der Pinsel oder der Stift von Michel Sanzianu das Papier in Schwingungen, das in dem Masse lebendig wird, in dem die Anfänge Formen annehmen, die man sowohl sieht als auch hört. Trotzdem gibt es keine Versuchung, Weltschöpfer zu sein, keine Versuchung von Imitation. Ich stelle nur fest, dass Michel Sanzianu, indem er sich von der Tradition der Darstellung befreit, sich spontan ins Zentrum des Pulsierens begibt, wie ein lauschender Baumeister der ersten Stunde. Seltsame Schöpfungen breiten sich auf dem Papier und auf der Leinwand aus, die weniger Untergrund als Bindemittel sind. Statt die Formen einzufangen, belässt sie der Künstler im Zustand von treibenden Kräften. Man versteht die Schwierigkeiten des Betrachters, der oft Mühe hat, den ihm zugewiesenen Platz zu finden, weil Michel Sanzianu sich Orten verweigert oder ihnen vielmehr den vorhergehenden «tektonischen» Schub vorzieht. Auf die Gefahr hin, zu viele Neologismen zu verwenden, würde ich von «Geo-Urgie» sprechen. Weitab von der Diskussion um die Erde, weitab von Landkarten und unzähligen Bildern die von ihr existieren, will Michel Sanzianu an der Unendlichkeit des Alls teilhaben, das Sterne und Planeten befruchtet. René Berger

René Berger